24.6.2020 Aufruf zum farbigen Bauen

Eine Ermunterung zur Farbe

"Ein frisches Gelb, ein Apfelgrün..“
"Wir waren mit Grau eigentlich sehr zufrieden.“
"Zufrieden? Ich habe hier eine Graukollektion von einer belgischen Firma…"
"Herr Winkelmann!“
"Ich weiß schon... Da haben Sie 28 Grautöne in jeder Qualität, da werden sie bestimmt zufrieden sein: Mausgrau, Staubgrau, Aschgrau…"
(aus Loriots „Ödipussi“)

In unseren Breiten ist Grau nichts Außergewöhnliches. Oft ziehen Wolken über den Himmel, Regen fällt und wir ziehen uns in unser Haus oder unsere Wohnung zurück. Zwischen Oktober und März, wenn das Grün der Natur fehlt, ist Grau besonders dominant. Dies legt sich dann auch aufs Gemüt. Alles ist grau in grau und wir sehnen uns nach dem bunten Blühen im Frühjahr und der Sonne des Sommers. Denn Farbe ist Lebensfreude!

Wir träumen von hellen Sonnenstränden mit türkisfarbenem Meer und grünen Palmen. Unseren Urlaub würden wir am liebsten in der Karibik verbringen, in bunten Häusern, wie auf Curaçao. Bloß weg vom Grau des Alltags. Doch während wir uns mittels TV die schillerndsten Farben ins Wohnzimmer holen, streichen wir unsere Häuser grau.

Grau ist keine Farbe! Grau ist Einfallslosigkeit! Ausdruck fehlender Kreativität. Grau wird assoziiert mit Langeweile, Hoffnungslosigkeit, Verlassenheit. Oder anders gesagt: Grau ist ein Zustand, den es zu vermeiden gilt!

Schon Anfang des letzten Jahrhunderts machte Bruno Taut, der als Stadtbaurat in Magdeburg Baugeschichte schrieb, auf die Tristesse der Fassaden aufmerksam:

AUFRUF ZUM FARBIGEN BAUEN

"Die vergangenen Jahrzehnte haben durch ihre rein technische und wissenschaftliche Betonung die optische Sinnenfreude getötet. Grau in graue Steinkästen traten an die Stelle farbiger und bemalter Häuser. Die durch Jahrhunderte gepflegte Tradition der Farbe versank in dem Begriff „Vornehmheit“, der aber nichts anderes ist als Mattheit und Unfähigkeit, das neben der Form wesentlichste Kunstmittel im Bauen, nämlich die Farbe, anzuwenden. Das Publikum hat heute Angst vor dem farbigen Haus und vergisst, dass die Zeit nicht so lange her ist, in der die Architekten keine schmutzigen Häuser bauen durften und in der man kein Haus verschmutzen ließ. Wir Unterzeichneten bekennen uns zur farbigen Architektur. Wir wollen keine farblosen Häuser mehr bauen und erbaut sehen und wollen durch dieses geschlossene Bekenntnis dem Bauherren, dem Siedler, wieder Mut zur Farbenfreude am Inneren und Äußeren des Hauses geben, damit er uns in unserem Wollen unterstützt. Farbe ist nicht teuer wie Dekoration mit Gesimsen und Plastiken, Aber Farbe ist Lebensfreude und weil sie mit geringen Mitteln zu geben ist, deshalb müssen wir gerade in der Zeit der heutigen Not bei allen Bauten, die nun einmal aufgeführt werden müssen, auf sie dringen. Wir verwerfen den Verzicht auf die Farbe ganz und gar, wo ein Haus in der Natur steht. Nicht allein die grüne Sommerlandschaft, sondern gerade die ist Schneelandschaft des Winters verlangt dringend nach der Farbe. Anstelle des schmutzig-grauen Hauses trete endlich wieder das blaue, rote, gelbe, grüne, schwarze, weiße Haus in ungebrochen leuchtender Tönung."

Dieser Artikel erschein erstmals 1919 in der „Bauwelt“ und wurde von vielen Architekten, Stadtplanern, Künstlern u.a. unterstützt.

Übrigens: Wenn Sie sich für die Zeit der Magdeburger Moderne, mit ihren Protagonisten Bruno Taut, Carl Kraul oder Johannes Göderitz interessieren, möchte ich Ihnen dieses Buch empfehlen: Bausteine der Magdeburger Moderne


buntefassaden Hausfassaden in der Otto-Richter-Straße, Magdeburg